Digitale Verwaltung 2026: Warum der Personalausweis noch nicht reicht
E-Government in Deutschland: Stand der Digitalisierung, BundID, OZG und warum andere Länder so viel weiter sind.
Deutschland wollte bis Ende 2022 alle wichtigen Verwaltungsleistungen digital anbieten. Das war das Versprechen des Onlinezugangsgesetzes (OZG). Anfang 2026 ist die Realität ernüchternd: Wer umzieht, ein Gewerbe anmeldet oder einen Bauantrag stellt, landet in den meisten Kommunen immer noch persönlich auf dem Amt.
BundID und eID: Viel Potenzial, wenig Nutzung
Die BundID ist seit 2023 das zentrale Bürgerkonto für digitale Verwaltungsdienste. Theoretisch ermöglicht sie den Zugang zu Online-Services von Bund, Ländern und Kommunen. In der Praxis haben sich bis Anfang 2026 rund 15 Millionen Nutzer registriert. Das klingt nach viel, entspricht aber nur etwa 18 % der Bevölkerung.
Noch schlechter sieht es bei der eID-Funktion des Personalausweises aus. Obwohl seit 2010 verfügbar, nutzen nur geschätzt 10-12 % der Bürger die Online-Ausweisfunktion aktiv. Die Gründe: komplizierte Ersteinrichtung, fehlende Anwendungsfälle und mangelndes Vertrauen.
OZG 2.0: Fortschritt auf dem Papier
Das OZG 2.0, Ende 2023 verabschiedet, setzt auf das "Einer-für-alle"-Prinzip. Ein Land entwickelt eine Lösung, alle anderen übernehmen sie. Stand März 2026 sind laut Dashboard des BMI rund 120 von 575 OZG-Leistungen flächendeckend online verfügbar. Das entspricht etwa 21 %. Viele Dienste existieren zwar als Prototyp, scheitern aber an der Anbindung einzelner Kommunen.
Viele als "online verfügbar" gemeldete Leistungen bestehen lediglich aus einem PDF-Formular zum Download. Ein echtes End-to-End-Verfahren, bei dem kein Papier mehr nötig ist, bieten nur wenige Kommunen an.
Deutschland im Vergleich: Estland und Dänemark zeigen, wie es geht
| Kriterium | Deutschland | Estland | Dänemark |
|---|---|---|---|
| Verwaltungsleistungen online | ca. 21 % | 99 % | 92 % |
| Digitale Identität (Nutzung) | ca. 12 % | 98 % (e-Residency/ID-Karte) | 95 % (NemID/MitID) |
| Zentrales Bürgerportal | BundID (seit 2023) | eesti.ee (seit 2001) | borger.dk (seit 2007) |
| Once-Only-Prinzip | teilweise geplant | vollständig umgesetzt | vollständig umgesetzt |
| Digitale Signatur im Alltag | selten genutzt | Standard | Standard |
Der Unterschied ist strukturell. Estland hat mit X-Road seit über 20 Jahren eine dezentrale Dateninfrastruktur, die alle Behörden vernetzt. Dänemark verpflichtet Bürger seit 2014 zur digitalen Kommunikation mit Behörden. Deutschland setzt dagegen weiterhin auf Freiwilligkeit und kämpft mit 16 verschiedenen Landes-IT-Architekturen.
Was sich ändern muss
- Pflicht zur Nutzung: Solange der analoge Weg einfacher bleibt, wird niemand freiwillig auf digitale Dienste umsteigen
- Standardisierte Schnittstellen: Kommunen brauchen einheitliche APIs statt Insellösungen
- Weniger Föderalismus in der IT: Ein zentrales Architektur-Framework statt 16 Landesstrategien
- Bessere UX: Die AusweisApp2 muss so einfach wie Banking-Apps werden
- Registermodernisierung: Ohne vernetzte Verwaltungsregister bleibt das Once-Only-Prinzip eine Illusion
Fazit
Deutschland hat mit BundID, OZG 2.0 und der Registermodernisierung die richtigen Baustellen identifiziert. Aber die Umsetzung ist zu langsam, zu fragmentiert und zu wenig am Bürger orientiert. Estland und Dänemark zeigen seit Jahren, dass digitale Verwaltung kein Zukunftsprojekt sein muss. Es fehlt nicht an Technologie. Es fehlt an politischem Willen, föderale Strukturen konsequent zu vereinheitlichen.