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Quantum-Systems: Deutschlands erstes Defence-Tech-Unicorn

3 Milliarden Euro Bewertung, Aufklärungsdrohnen für die Bundeswehr und eine deutsch-ukrainische Drohnenfabrik. Quantum-Systems ist Deutschlands wertvollstes Verteidigungstechnologie-Startup.

Ein bayerisches Startup mit 400 Mitarbeitern baut Aufklärungsdrohnen, die im Ukraine-Krieg zum Standardwerkzeug geworden sind, liefert an die Bundeswehr und hat eine Bewertung von 3 Milliarden Euro erreicht. Quantum-Systems aus Gilching bei München ist Deutschlands erstes Defence-Tech-Unicorn und ein Unternehmen, das die meisten Deutschen nicht kennen.

Was Quantum-Systems baut

Quantum-Systems entwickelt elektrisch angetriebene, KI-gestützte Aufklärungsdrohnen. Die bekanntesten Produkte:

  • Vector: Eine kleine, handstartfähige Aufklärungsdrohne mit autonomer Flugsteuerung und Echtzeit-Bildübertragung
  • Twister: Der Nachfolger des Bundeswehr-Systems ALADIN, optimiert für taktische Nahaufklärung
  • Jäger: Eine 2025 vorgestellte Abfangdrohne mit Raketenantrieb und KI-Autonomie, die feindliche Drohnen abfangen soll

Die Drohnen sind als Dual-Use konzipiert: Sie können sowohl für militärische Aufklärung als auch für zivile Anwendungen wie Katastrophenschutz, Infrastrukturinspektion und Vermessung eingesetzt werden. Das unterscheidet Quantum-Systems von reinen Rüstungsunternehmen.

Gründer Florian Seibel war Hubschrauberpilot bei der Bundeswehr und Luft- und Raumfahrtforscher, bevor er 2015 Quantum-Systems gründete. Die Kombination aus militärischer Praxis und technischer Forschung prägt die Produktentwicklung.

3 Milliarden Euro Bewertung: Wer investiert und warum?

Die Finanzierungsgeschichte von Quantum-Systems zeigt, wie schnell Defence Tech in Europa gewachsen ist:

  • Mai 2025: 160 Millionen Euro Series C, erstmals Unicorn-Status (Bewertung über 1 Milliarde Euro)
  • November 2025: Weitere 180 Millionen Euro, Bewertung verdreifacht sich auf 3 Milliarden Euro
  • Gesamtfinanzierung 2025: 340 Millionen Euro in einem Jahr
  • Gesamtfinanzierung insgesamt: Über 410 Millionen Dollar in neun Runden

Die Investorenliste liest sich wie ein Who-is-Who der Tech-Finanzierung: Peter Thiel (seit 2022 investiert), Balderton Capital, Porsche Automobil Holding SE und Notion Capital. Thiels Beteiligung hat dem Unternehmen internationale Sichtbarkeit verschafft und signalisiert, dass Silicon-Valley-Investoren Europa als Defence-Tech-Standort ernst nehmen.

Bundeswehr, Ukraine und die deutsch-ukrainische Drohnenfabrik

Quantum-Systems liefert an mehrere Abnehmer gleichzeitig:

Bundeswehr: Das Beschaffungsamt BAAINBw hat einen Rahmenvertrag für bis zu 747 Twister-Aufklärungsdrohnen unterzeichnet. Die erste Tranche umfasst 147 Drohnen für rund 16 Millionen Euro, der Gesamtrahmenvertrag liegt bei rund 85 Millionen Euro. Twister ersetzt das veraltete ALADIN-System und wird zum neuen Standard der taktischen Nahaufklärung.

Ukraine: Quantum-Systems-Drohnen, insbesondere der Vector, sind im Ukraine-Krieg kampferprobt und haben sich als zuverlässiges Aufklärungswerkzeug etabliert. Das Unternehmen wurde 2025 bei der ukrainischen Konferenz "Army of Drones" ausgezeichnet.

Deutsch-ukrainisches Joint Venture: Am 13. Februar 2026 besuchten Verteidigungsminister Boris Pistorius und Präsident Wolodymyr Selenskyj die Quantum-Systems-Fabrik in Gauting. Dort wurde die erste Drohne des Joint Ventures Quantum Frontline Industries (QFI) übergeben. Das Gemeinschaftsunternehmen mit der ukrainischen Firma Frontline Robotics produziert die Mehrzweckdrohne LINZA in Serie in Deutschland. Die Produktion soll auf zehntausende Drohnen jährlich hochskaliert werden.

Das "Build with Ukraine"-Programm zeigt einen neuen Ansatz in der europäischen Verteidigungsindustrie: Statt Waffen zu liefern, wird Produktionskapazität in Europa aufgebaut, mit ukrainischem Know-how und deutschen Fertigungsstandards nach NATO-Normen.

Defence Tech in Deutschland: Ein neuer Trend

Quantum-Systems ist nicht allein. Deutschland erlebt einen Defence-Tech-Boom:

  • Helsing (München): KI für militärische Aufklärung und autonome Systeme, Bewertung über 5 Milliarden Euro
  • ARX Landsysteme (München): Gepanzerte Fahrzeuge der nächsten Generation
  • Quantum-Systems (Gilching): Aufklärungsdrohnen, 3 Milliarden Euro Bewertung

Der Trend wird durch mehrere Faktoren getrieben: Europas Aufrüstung nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, das 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen der Bundeswehr und die Erkenntnis, dass moderne Kriegsführung stark auf autonome Systeme, KI und Drohnen setzt. Deutschland hat traditionell eine zurückhaltende Haltung gegenüber Rüstungsexporten, aber die geopolitische Lage hat die Prioritäten verschoben.

Ethische Fragen und gesellschaftliche Debatte

Defence Tech ist kontrovers. Die Frage, ob Deutschland Drohnen für den Kriegseinsatz produzieren sollte, wird gesellschaftlich diskutiert. Quantum-Systems betont den Dual-Use-Charakter seiner Produkte und die Fokussierung auf Aufklärung statt auf bewaffnete Systeme.

Die Realität ist differenzierter: Die Twister-Drohne der Bundeswehr ist ein reines Aufklärungssystem. Aber die Produktionskapazitäten des Joint Ventures QFI bedienen auch den ukrainischen Bedarf an Kampfdrohnen. Die Grenze zwischen Aufklärung und Waffensystem verschwimmt in der modernen Kriegsführung zunehmend.

Was unbestritten ist: Europa braucht eigene Kapazitäten in der Drohnentechnologie. Die Alternative wäre vollständige Abhängigkeit von US-amerikanischen, türkischen oder chinesischen Herstellern.

Fazit

Quantum-Systems hat sich in wenigen Jahren vom bayerischen Startup zum milliardenschweren Defence-Tech-Unternehmen entwickelt. Die Kombination aus kampferprobter Technologie, Bundeswehr-Verträgen, einem deutsch-ukrainischen Joint Venture und hochkarätigen Investoren wie Peter Thiel macht das Unternehmen zu einem der bemerkenswertesten deutschen Startups, auch wenn es kaum in der breiten Öffentlichkeit bekannt ist. Ob man das gut findet oder nicht: Defence Tech made in Germany ist Realität geworden.

Elektrisch angetriebene Aufklärungsdrohnen mit KI-gestützter autonomer Flugsteuerung. Die bekanntesten Modelle sind Vector (handstartfähig, Ukraine-erprobt), Twister (Bundeswehr-Nachfolger von ALADIN) und Jäger (Abfangdrohne gegen feindliche Drohnen).

Stand November 2025 liegt die Bewertung bei 3 Milliarden Euro. Im Mai 2025 hatte das Unternehmen erstmals Unicorn-Status erreicht, sechs Monate später verdreifachte sich die Bewertung.

Quantum Frontline Industries (QFI) ist ein Gemeinschaftsunternehmen von Quantum-Systems und der ukrainischen Firma Frontline Robotics. Es produziert die Mehrzweckdrohne LINZA in Serie in Deutschland nach NATO-Standards. Die erste Drohne wurde im Februar 2026 übergeben.

Die Produkte von Quantum-Systems sind primär Aufklärungssysteme. Die Twister-Drohne der Bundeswehr ist unbewaffnet. Im Rahmen des Joint Ventures werden aber auch Mehrzweckdrohnen produziert, die im ukrainischen Einsatz verschiedene Rollen übernehmen können.