Isar Aerospace: Europas erste Orbitalrakete startet vom Festland
Das Münchner Startup Isar Aerospace hat seine Spectrum-Rakete erstmals getestet und bereitet den zweiten Flug vor. ESA-Verträge, 400 Mitarbeiter und eine neue Fabrik.
Europa hat ein Raketenproblem. Die Ariane 6 kam mit Jahren Verspätung, und für kleine bis mittlere Nutzlasten gibt es kaum europäische Startmöglichkeiten. Ein Münchner Startup will diese Lücke schließen: Isar Aerospace hat mit Spectrum die erste Orbitalrakete gebaut, die vom europäischen Festland starten soll. Der erste Testflug fand im März 2025 statt, der zweite steht unmittelbar bevor.
Warum Europa eigene Startkapazitäten braucht
Europas Zugang zum Weltraum hängt traditionell an der Ariane-Raketenfamilie, betrieben von Arianespace. Doch die Ariane 6 hatte Verzögerungen von mehreren Jahren, und nach dem Rückzug der russischen Sojus-Raketen aus Kourou fehlt Europa ein zuverlässiger Zugang für kleinere Satelliten.
Gleichzeitig boomt der Markt für Satellitenkonstellationen. Unternehmen wie OroraTech, Planet Labs oder OneWeb brauchen regelmäßige, günstige Starts für ihre Kleinsatelliten. SpaceX dominiert den globalen Markt, Rocket Lab bedient die Nische für kleine Nutzlasten. Europa hat in diesem Segment nichts Vergleichbares.
Weltweit gab es 2025 über 250 Orbitalstarts. Davon kamen mehr als die Hälfte von SpaceX allein. Europa hatte nur eine Handvoll eigener Starts. Die Abhängigkeit von nicht-europäischen Startdienstleistern ist ein strategisches Risiko.
Die Spectrum-Rakete: Technische Eckdaten
Spectrum ist eine zweistufige Rakete, die bis zu 1.000 Kilogramm in einen sonnensynchronen Orbit (SSO) bringen kann. Das deckt den Bedarf der meisten Kleinsatelliten-Missionen ab.
| Merkmal | Spectrum |
|---|---|
| Höhe | ~27 m |
| Nutzlast (SSO) | bis 1.000 kg |
| Nutzlast (LEO) | bis 1.300 kg |
| Stufen | 2 |
| Triebwerk (1. Stufe) | Aquila, 9 Triebwerke |
| Treibstoff | Kerosin / flüssiger Sauerstoff |
| Startplatz | Andøya Spaceport, Norwegen |
Die Triebwerke werden in Ottobrunn bei München gefertigt, wo Isar Aerospace seinen Hauptsitz hat. Das Unternehmen beschäftigt rund 400 Mitarbeiter und baut aktuell eine neue Produktionshalle in der Region München.
Erster Testflug: Was passiert ist
Am 30. März 2025 startete Spectrum erstmals vom Andøya Spaceport in Nordnorwegen. Es war der erste Orbitalraketenstart vom europäischen Festland überhaupt. Der Flug wurde nach etwa 30 Sekunden beendet: Ein Ventil öffnete sich unbeabsichtigt, die Lageregelung ging verloren, und das Flugsicherungssystem sendete einen Abbruchbefehl. Die Rakete ging kontrolliert im Meer nieder.
Das klingt nach Fehlschlag, ist aber in der Raumfahrt ein erwartbarer Schritt. SpaceX' erste Falcon-1-Rakete scheiterte dreimal, bevor der vierte Start gelang. Rocket Lab verlor ebenfalls den ersten Electron-Flug. Ein Testflug, der den Startplatz validiert, die Bodeninfrastruktur bestätigt und Flugdaten liefert, hat auch bei vorzeitigem Ende enormen Wert.
Isar Aerospace identifizierte die Ursache innerhalb weniger Wochen und schloss die Stufentests für den zweiten Flug bereits im Dezember 2025 ab, weniger als neun Monate nach dem Erstflug.
Zweiter Flug und ESA-Missionen
Der zweite Spectrum-Flug trägt den Namen Onward and Upward und soll vom selben Startplatz in Andøya abheben. An Bord sind fünf CubeSats und ein nicht-trennbares Experiment von europäischen Universitäten und Unternehmen, finanziert durch das ESA-Programm Boost!.
Darüber hinaus hat Isar Aerospace zwei Launch-Service-Verträge mit der ESA und der Europäischen Kommission gesichert:
- Die CASSINI-Mission von ISISpace
- Die Tom & Jerry-Mission von Infinite Orbits
Beide Missionen sollen ab 2026 von Andøya starten. Diese Verträge sind ein starkes Signal: Die ESA setzt nicht mehr ausschließlich auf Arianespace, sondern diversifiziert ihre Startoptionen.
Isar Aerospace hat insgesamt rund 654 Millionen Dollar an Finanzierung eingesammelt, darunter eine 150-Millionen-Euro-Wandelanleihe von Eldridge Industries im Juni 2025. Damit gehört das Unternehmen zu den am besten finanzierten Raumfahrt-Startups Europas.
Isar Aerospace im globalen Vergleich
Im Vergleich zu den großen Playern ist Spectrum eine Nischenrakete. Aber genau das ist die Strategie: den Markt für kleine und mittlere Nutzlasten bedienen, den SpaceX mit seiner Falcon 9 zwar kann, aber nicht optimal abdeckt.
- Rocket Lab (USA/Neuseeland): Electron-Rakete, 300 kg Nutzlast, über 50 erfolgreiche Starts. Der direkte Wettbewerber.
- SpaceX (USA): Falcon 9, 22.800 kg Nutzlast. Zu groß und teuer für einzelne Kleinsatelliten, dominiert aber den Rideshare-Markt.
- Ariane 6 (Europa): 10.000+ kg Nutzlast. Für große Satelliten, nicht für die wachsende Kleinsat-Flotte.
Spectrum positioniert sich zwischen Rocket Lab und Ariane 6: mehr Nutzlast als Electron, deutlich günstiger und flexibler als Ariane 6. Und mit einem europäischen Startplatz entfällt die Abhängigkeit von US-Exportlizenzen.
Fazit
Isar Aerospace hat in vier Jahren eine Rakete gebaut, getestet und ESA-Verträge gesichert. Der erste Testflug im März 2025 war ein Meilenstein, auch wenn die Mission vorzeitig endete. Der zweite Flug wird zeigen, ob Spectrum den Orbit erreichen kann. Gelingt das, hätte Europa erstmals einen unabhängigen, kommerziellen Startdienstleister für Kleinsatelliten, gebaut von einem Münchner Startup mit 400 Mitarbeitern.
Der zweite Testflug ist für März 2026 vom Andøya Spaceport in Norwegen geplant. An Bord sind fünf CubeSats und ein Experiment im Rahmen des ESA-Programms Boost!.
Der Andøya Spaceport in Nordnorwegen bietet einen direkten Zugang zu polaren und sonnensynchronen Orbits, die für Erdbeobachtungssatelliten wichtig sind. Ausserdem liegt die Flugbahn über dem offenen Meer, was die Sicherheit erhöht.
Bis zu 1.000 kg in einen sonnensynchronen Orbit (500 km Höhe) oder bis zu 1.300 kg in einen niedrigen Erdorbit. Das reicht für einzelne Kleinsatelliten oder Cluster von CubeSats.
Durch eine Kombination aus Venture Capital (insgesamt rund 654 Millionen Dollar), ESA-Verträgen und einer 150-Millionen-Euro-Wandelanleihe von Eldridge Industries. Das Unternehmen hat rund 400 Mitarbeiter und baut eine neue Fabrik bei München.