Fusionsenergie aus Deutschland: Wie Proxima Fusion das Unmögliche baut
Das Max-Planck-Spinoff Proxima Fusion baut Europas erstes kommerzielles Fusionskraftwerk. 200 Millionen Euro Finanzierung, RWE als Partner, 2 Milliarden Euro für die Demo-Anlage.
Deutschland baut ein Fusionskraftwerk. Kein Forschungsprojekt, kein Gedankenexperiment, sondern ein konkreter Plan mit Industriepartnern, Standort und Zeitplan. Hinter dem Projekt steht Proxima Fusion, ein Spinoff des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Garching.
Was ist Proxima Fusion?
Proxima Fusion wurde 2023 von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) gegründet. Das Unternehmen sitzt in München und beschäftigt über 100 Mitarbeiter. Die Finanzierung der Series A wurde auf insgesamt 200 Millionen Euro erweitert, was Proxima Fusion zu einem der am besten finanzierten Fusion-Startups Europas macht.
Das Ziel: den Stellarator, eine Technologie zur Kernfusion, vom Laborexperiment zum kommerziellen Kraftwerk weiterzuentwickeln. Die wissenschaftliche Grundlage liefert Wendelstein 7-X, der weltweit fortschrittlichste Stellarator, der ebenfalls am IPP in Greifswald betrieben wird.
Kernfusion ist das Gegenteil von Kernspaltung. Statt schwere Atomkerne zu spalten, verschmelzen leichte Kerne (Wasserstoffisotope) miteinander. Dabei wird enorme Energie frei, ohne langlebigen radioaktiven Abfall oder CO2-Emissionen.
Stellarator vs. Tokamak: Warum der deutsche Ansatz anders ist
Die meisten Fusion-Startups weltweit setzen auf den Tokamak, eine donutförmige Reaktorkammer, die das Plasma mit Magnetfeldern einschließt. Das Problem: Tokamaks können nur im Pulsbetrieb arbeiten. Sie erzeugen kurze Fusionsreaktionen, müssen dann pausieren und neu starten.
Der Stellarator löst dieses Problem durch eine komplexere Geometrie. Seine verdrehten Magnetspulen halten das Plasma im Dauerbetrieb stabil. Das macht den Stellarator technisch anspruchsvoller in der Konstruktion, aber besser geeignet für den kontinuierlichen Betrieb eines Kraftwerks.
Proxima Fusion nutzt KI-gestützte Optimierung, um die Magnetfeldkonfiguration zu berechnen. Die Ergebnisse fließen in das Stellaris-Konzept, das erste peer-reviewed Design für ein kommerzielles Stellarator-Kraftwerk. Dieses Konzept wurde zusammen mit Partnern veröffentlicht und bildet die wissenschaftliche Grundlage für den Bau.
| Merkmal | Tokamak | Stellarator |
|---|---|---|
| Betriebsart | Pulsbetrieb | Dauerbetrieb |
| Magnetfeld | Teilweise durch Plasmastrom | Vollständig extern |
| Konstruktion | Einfacher | Komplexer |
| Stabilität | Anfällig für Disruptionen | Inhärent stabiler |
| Bekanntestes Projekt | ITER (Frankreich) | Wendelstein 7-X (Deutschland) |
2 Milliarden Euro für Alpha und der RWE-Vertrag
Am 26. Februar 2026 unterzeichneten Proxima Fusion, RWE, der Freistaat Bayern und das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik ein Memorandum of Understanding (MoU). Der Plan umfasst zwei Stufen:
Alpha (Demo-Stellarator): Die Demonstrationsanlage wird in Garching gebaut, direkt neben dem Max-Planck-Institut. Alpha soll in den 2030er-Jahren in Betrieb gehen und der erste Stellarator werden, der Netto-Energiegewinn demonstriert. Die geschätzten Kosten liegen bei 2 Milliarden Euro.
Stellaris (Kommerzielles Kraftwerk): Das eigentliche Kraftwerk soll am ehemaligen Kernkraftwerk-Standort Gundremmingen entstehen, der aktuell von RWE zurückgebaut wird. Die bestehende Infrastruktur (Netzanschluss, Kühlwasser, Genehmigungen) senkt die Kosten und beschleunigt den Bau.
Die Finanzierung verteilt sich auf mehrere Schultern: Proxima Fusion bringt rund 20 Prozent aus privaten Mitteln ein, der Freistaat Bayern hat ebenfalls 20 Prozent als staatlichen Beitrag signalisiert, und RWE beteiligt sich im Rahmen des MoU. Das Max-Planck-Institut übernimmt die wissenschaftliche Leitung der Plasmaphysik, während Proxima Fusion für Engineering und Bau verantwortlich ist.
Fusion weltweit: Wo steht die Konkurrenz?
Proxima Fusion ist nicht allein. Weltweit haben Fusion-Startups über 7,1 Milliarden Dollar eingesammelt. Die größten Player:
- Commonwealth Fusion Systems (USA): 2,86 Milliarden Dollar Finanzierung, baut den Tokamak SPARC am MIT, operativ Ende 2026 geplant
- Helion Energy (USA): 1 Milliarde Dollar, arbeitet an einem kompakten Fusionsreaktor mit Feldumkehr-Konfiguration
- TAE Technologies (USA): Über 1 Milliarde Dollar, plant den Bau einer 50-MWe-Anlage ab 2026
- Pacific Fusion (USA): 900 Millionen Dollar, verfolgt trägheitsgetriebene Fusion
Der entscheidende Unterschied: Alle großen US-Konkurrenten setzen auf Tokamaks oder alternative Ansätze. Proxima Fusion ist das einzige Startup weltweit, das einen kommerziellen Stellarator mit peer-reviewed Design und Industriepartner im Rücken baut.
Was auffällt: Die Fusion-Branche wird von US-Unternehmen dominiert. Proxima Fusion ist das erste europäische Unternehmen, das mit einem konkreten Fahrplan und echten Industriepartnern in dieses Rennen einsteigt. Der Standortvorteil liegt im direkten Zugang zur Wendelstein-7-X-Forschung, dem weltweit führenden Stellarator-Experiment.
Was das für den Energiestandort Deutschland bedeutet
Fusion hat das Potenzial, die Energieversorgung grundlegend zu verändern. Ein Fusionskraftwerk produziert keinen CO2-Ausstoß, keinen langlebigen radioaktiven Abfall und benötigt als Brennstoff vor allem Deuterium (aus Meerwasser) und Tritium (aus Lithium). Die Energiedichte ist enorm: Ein Kilogramm Fusionsbrennstoff liefert so viel Energie wie 10 Millionen Kilogramm Kohle.
Für Deutschland ist das Projekt strategisch bedeutsam. Das Land verliert gerade seine letzten konventionellen Kraftwerke und investiert massiv in Erneuerbare. Fusion könnte die Lücke schließen, die Wind und Solar bei Dunkelflauten hinterlassen. Der Standort Gundremmingen sendet dabei ein starkes Signal: Wo einst ein Kernspaltungskraftwerk stand, soll künftig Fusionsenergie ins Netz fließen.
Ob Proxima Fusion den Zeitplan halten kann, ist offen. Fusionsforschung hat eine lange Geschichte gebrochener Versprechen. Aber die Kombination aus Max-Planck-Wissenschaft, RWE-Industrieerfahrung, bayerischer Landesförderung und 200 Millionen Euro privatem Kapital macht diesen Anlauf glaubwürdiger als viele zuvor.
Fazit
Proxima Fusion zeigt, dass Deutschland im globalen Fusionsrennen mitspielen kann. Der Stellarator-Ansatz, aufgebaut auf Jahrzehnten Wendelstein-Forschung, bietet einen technisch überzeugenden Weg zum Dauerbetrieb. Mit dem RWE-MoU, dem Standort Gundremmingen und 2 Milliarden Euro für die Demo-Anlage Alpha hat das Projekt eine Ernsthaftigkeit erreicht, die über typische Startup-Ankündigungen hinausgeht. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob daraus Europas erstes Fusionskraftwerk wird.
Die Demo-Anlage Alpha in Garching soll in den 2030er-Jahren den ersten Netto-Energiegewinn zeigen. Das kommerzielle Kraftwerk Stellaris in Gundremmingen käme danach. Ein realistischer Zeitrahmen für Strom im Netz liegt bei Mitte bis Ende der 2030er-Jahre.
Beide nutzen Magnetfelder, um heisses Plasma einzuschliessen. Der Tokamak (z.B. ITER) arbeitet im Pulsbetrieb und braucht einen Strom im Plasma selbst. Der Stellarator erzeugt das gesamte Magnetfeld von aussen und kann deshalb im Dauerbetrieb laufen. Dafür ist seine Konstruktion deutlich komplexer.
Ja. Im Gegensatz zur Kernspaltung kann eine Fusionsreaktion nicht durchgehen. Wenn die Bedingungen nicht mehr stimmen, erlischt das Plasma innerhalb von Sekunden. Es entsteht kein langlebiger radioaktiver Abfall und kein CO2. Der Brennstoff (Deuterium und Tritium) ist weder explosiv noch waffenfähig.
Proxima Fusion hat 200 Millionen Euro in der Series A eingesammelt. Für die 2-Milliarden-Euro-Anlage Alpha sollen rund 20 Prozent aus privaten Mitteln, 20 Prozent vom Freistaat Bayern und weitere Anteile von RWE kommen. Zusätzliche öffentliche Fördermittel sind in Verhandlung.